Versandhandelsverbot für Arzneimittel

Ver­sand­han­dels­ver­bot für Arz­nei­mit­tel

April 2, 2019 Gesundheitspolitik Infoservice - Recht 0
Versandhandelsverbot für Arzneimittel

Die Dis­kus­sio­nen um ein Ver­sand­han­dels­ver­bot für Arz­nei­mit­tel haben zwar abge­nom­men, jedoch tritt das The­ma regel­mä­ßig dann zu Tage, wenn die For­de­rung der Apo­the­ker­schaft nach der Gleich­prei­sig­keit für Arz­nei­mit­tel gefähr­det scheint.


Radi­ka­le Reduk­ti­on der Kom­ple­xi­tät

  1. Ver­sand­han­dels­ver­bot

    Die Apo­the­ker­schaft setzt sich für ein Ver­sand­han­des­ver­bot für Arz­nei­mit­tel ein. Ein Ver­sand­han­dels­ver­bot wür­de sich ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel beschrän­ken.

  2. e‑Rezept als Game­ch­an­ger

    Das Ver­sand­han­dels­ver­bot soll­te den Zustrom der bald ein­zie­hen­den elek­tro­ni­schen Ver­ord­nun­gen zu den Ver­sand­apo­the­ken ver­hin­dern. Jedoch ist das Ver­bot poli­tisch gegen­über den Pati­en­ten in Zei­ten der Digi­ta­li­sie­rung schwer “zu ver­kau­fen” und euro­pa­recht­lich schwer umsetz­bar.


Aktu­el­le (berufs-)politische Dis­kus­si­on zum Ver­sand­han­del

Wor­um geht es?

Aktu­ell in der poli­ti­schen Dis­kus­si­on ist aus­schließ­lich der Ver­sand­han­del mit ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln als beson­de­re Vari­an­te der Rx-Ver­sor­gung. Hier­bei legt der Pati­ent die ärzt­li­che Ver­schrei­bung nicht vor Ort in einer Prä­sen­zapo­the­ke vor, son­dern erhält sein Arz­nei­mit­tel nach Bestel­lung und Über­sen­dung der Ver­ord­nung durch eine (EU-) Ver­sand­apo­the­ke. Die­se Ver­sor­gungs­form ist in Deutsch­land seit vie­len Jah­ren eta­bliert[1].

Nicht Gegen­stand der Dis­kus­sio­nen ist somit der Ver­sand­han­del mit Non-Rx Arz­nei­mit­teln, bei denen der Pati­ent Arz­nei­mit­tel ohne ärzt­li­che Ver­schrei­bung zu oft­mals deut­lich güns­ti­ge­ren Kon­di­tio­nen als in der Prä­sen­zapo­the­ke erwer­ben kann.

Wie wich­tig ist das?

Der Markt­an­teil der Ver­sand­han­dels­apo­the­ken belief sich im Jahr 2016 auf unter 1% bei ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen und bei ca. 13% bei rezept­frei­en Arz­nei­mit­teln[2]. Die Schär­fe der Dis­kus­si­on ver­wun­dert zunächst. Betrach­tet man jedoch die tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen und die Ver­sor­gungs­rea­lit­tät wird deut­lich wor­um es geht:

Ein wesent­li­ches Pro­blem des Ver­sand­han­dels ist, dass der es für den Pati­en­ten heu­te rela­tiv umständ­lich ist ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel über die­sen Bezugs­weg zu bestel­len. Denn er muss das Rezept per Post zur Apo­the­ke schi­cken, bevor die­se das Arz­nei­mit­tel lie­fern darf. Durch die­sen Umweg ist die Lie­fer­zeit den Beschaf­fungs­zei­ten der wohn­ort­na­hen Apo­the­ke dra­ma­tisch unter­le­gen.

e‑Rezept als Game­ch­an­ger

Inzwi­schen schrei­tet jedoch die Digi­ta­li­sie­rung auch im deut­schen Gesund­heits­we­sen vor­an. Die elek­tro­ni­sche Ver­ord­nung (sog. eRe­zept) rückt lang­sam in Reich­wei­te. Der Bun­des­ge­sund­heits­mins­ter möch­te mit dem Gesetz für mehr Sicher­heit in der Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung(GSAV) eine flä­chen­de­cken­de Ein­füh­rung bis 2020 vor­schrei­ben.

Eben die­se digi­ta­le Ver­ord­nung wür­de das Pro­blem der Ver­sand­han­dels­apo­the­ken lösen, da eine digi­ta­le Über­mitt­lung in Echt­zeit eine recht­lich zuläs­si­ge sofor­ti­ge Ver­sen­dung des benö­tig­ten Arz­nei­mit­tels erlau­ben wür­de. Der Nach­teil der Vers­än­der wäre auf ein Mini­mum redu­ziert, so dass man in Kom­bi­na­ti­on mit ihren den Pati­en­ten  ange­bo­te­nen Rabat­ten von einem star­ken Wachs­tum des Markt­an­teils im Rx-Bereich aus­geht. Erst die­ser Kon­text erklärt die erst 14 Jah­re nach Ein­füh­rung des Ver­sand­han­dels aggres­si­ven For­de­run­gen der Apo­the­ker­schaft nach sei­nem Ver­bot.

poli­ti­sche Posi­tio­nen zum Ver­sand­han­dels­ver­bot

ABDA-Posi­ti­on

Auf­grund eines ver­meint­li­chen Wett­be­werbs­nach­teils deut­scher Prä­sen­zapo­the­ken – EU-Ver­sand­apo­the­ken dür­fen Pati­en­ten nach gel­ten­der EU-Recht­spre­chung Rabat­te auf ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel gewäh­ren[3]; deut­sche Apo­the­ken auf­grund der deut­schen Preis­bin­dung[4] für Arz­nei­mit­tel nicht – for­dert ins­be­son­de­re die ABDA als Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on der Apo­the­ker­schaft das Ver­sand­han­dels­ver­bot für Arz­nei­mit­teln.

Ohne die­ses Ver­bot kön­ne eine Gleich­prei­sig­keit nicht wirk­sam her­ge­stellt wer­den, was lang­fris­tig die flä­chen­de­cken­de Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung gefähr­den wür­de[5] (mehr zur Gleich­prei­sig­keit im Lern­text “Apo­the­ken­ho­no­rar”). Auf­grund der Ableh­nung der Poli­tik hat man die­ser For­de­rung jüngst zurück­ge­stellt und kämpft ins­be­son­de­re für ein Rabatt­ver­bot für aus­län­di­sche Ver­sand­han­dels­apo­the­ken zur Wie­der­her­stel­lung der Gleich­prei­sig­keit.

GKV-SV Posi­ti­on

Der Spit­zen­ver­band der Gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen (GKV-SV) spricht sich vehe­ment gegen ein Ver­sand­han­dels­ver­bot für Arz­nei­mit­tel aus[6]. Sei­ne Haupt­ar­gu­men­ta­ti­on stützt sich auf ein aktu­el­les vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Ener­gie (BMWi) in Auf­trag gege­be­nes Gut­ach­ten (sog. h2M-Gut­ach­ten), wonach ein Ver­bot des Ver­sand­han­dels mit rezept­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln ist nicht begrün­det sei. Es bestün­de kein Zusam­men­hang zwi­schen der wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on von nie­der­ge­las­se­nen Apo­the­ken und den (Ver­sand-) Wett­be­wer­bern aus dem EU-Aus­land. Deren Markt­an­teil sei zu gering. Zudem bie­tet der Ver­sand­han­del für eini­ge Pati­en­ten­grup­pen und Regio­nen eine wich­ti­ge ergän­zen­de Opti­on für die Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung[7].

Ver­sand­händ­ler

Die drit­te Kraft in die­sem Zusam­men­hang sind die Ver­sand­han­dels­apo­the­ken selbst. Dabei ist noch­mals zwi­schen inlän­di­schen und (EU-)ausländischen Apo­the­ken zu dif­fe­ren­zie­ren, da deut­sche Ver­sand­apo­the­ken aus­nahms­los an das deut­sche Preis­recht gebun­den sind. Damit kann die Argu­men­ta­ti­on der (Präsenz-)Apothekerschaft zur ange­streb­ten Gleich­prei­sig­keit hier nicht gel­ten. Viel­mehr besteht der­zeit ein Wett­be­werbs­nach­teil der inn­län­di­schen Vers­än­der gegen­über den aus­län­di­schen (mög­li­che Inlän­der­dis­kri­mi­nie­rung).

Aus­län­di­sche Ver­sand­han­dels­apo­the­ken wie z. B. DocMor­ris set­zen sich erwar­tungs­ge­mäß für den Erhalt des Ver­sand­han­dels mit ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln ein. Dabei wird ins­be­son­de­re die Absichts­er­klä­rung der Bun­des­re­gie­rung im Koali­ti­ons­ver­trag[8]

Um die Apo­the­ken vor Ort zu stär­ken, set­zen wir uns für ein Ver­bot des Ver­sand­han­dels mit ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln ein.“

Bun­des­re­gie­rung

als ver­fas­sungs­wid­rig und euro­pa­recht­lich inkom­pa­ti­bel zurück­ge­wie­sen[9].

Zusam­men­fas­sung

Zusam­men­fas­send sehen die Apo­the­ker das »Sys­tem Apo­the­ke« in sei­ner Exis­tenz bedroht, wäh­rend die Libe­ra­li­sie­rungs­kräf­te finanz­star­ker Kon­zer­ne den Rück­griff auf ehe­mals abge­lös­te Markt­zu­gangs­be­schrän­kun­gen zu ver­hin­dern ver­su­chen. Die Kos­ten­trä­ger­sei­te unter­stützt die Libe­ra­li­sie­rungs­po­si­ti­on, da ihr urei­ge­nes Inter­es­se eine ver­meint­lich kos­ten­güns­ti­ge Ver­sor­gung ist. Auch ver­tritt die GKV damit ein direk­tes Pati­en­ten­in­ter­es­se nach einer “beque­men” und bar­rie­re­frei­en Ver­sor­gung auch auf dem Land.

Bemer­kens­wert ist, dass die heiß geführ­te Dis­kus­si­on ein Ver­sor­gungs­mo­dell zum Gegen­stand hat, wel­ches 1% des Markt­seg­men­tes (Rx-Arz­nei­mit­tel) nicht über­steigt. Dies wirkt zunächst ver­wun­der­lich. Berück­sich­tigt man jedoch die bal­di­ge Ein­füh­rung der elek­tro­ni­schen Ver­ord­nung wird klar, war­um der Ver­sand­han­del eine gol­de­ne Zukunft sieht und die Stan­des­ver­tre­tung mög­lichst hohe Mau­ern um das bestehen­de Sys­tem bau­en will.



[1] vgl. Gesund­heits­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz, 2004.

[2] ABDA, in: Die Apo­the­ke: Zah­len – Daten – Fak­ten, 2017.

[3] EUGH, Urt. v. 19.10.2016, Az. C‑148/15.

[4] vgl. Arz­nei­mit­tel­preis­ver­ord­nung (AMPreisV)

[5] Klein, in: apo­the­ke-adhoc, 2018.

[6] GKV-SV, in: Posi­ti­ons­pa­pier des GKV-Spit­zen­ver­ban­des, 2018.

[7] an der Hei­den, in: Ermitt­lung der Erfor­der­lich­keit und des Aus­ma­ßes von Ände­run­gen der in der Arz­nei­mit­tel­preis­ver­ord­nung (AMPreisV) gere­gel­ten Prei­se, 2018.

[8] CDU, in: Koali­ti­ons­ver­trag 19. Legis­la­tur­pe­ri­ode, 2018.

[9] DocMor­ris, in: Pres­se­mit­tei­lung, 2018.